Heinz Ritter-Schaumburg

... und die Erforschung der Thidrekssaga

pdf-Download des Artikels

Als Jakob Bodmer im Jahre 1757 die wiederentdeckte Handschrift des Nibelungenlieds (teilweise) veröffentlichte, konnten die Aufklärer ihrer Zeit wenig damit anfangen. Der erste vollständige Druck erschien 1782 durch Heinrich Myller. Diesem, der das Buch auch dem Preu-ßenkönig Friedrich II., der Große  gewidmet hatte, schrieb der König, das Gedicht sei „nicht einen Schuss Pulver werth“. Der Durchbruch kam im 19. Jahrhundert, als die Romantiker sich des Stoffs bemächtigten. Aber auch die junge germanistische Wissenschaft nahm sich des Nibelungenliedes an, hier sind vor allem die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm und Karl Lachmann zu nennen. Das Nibelungenlied avancierte zum Nationalepos der Deutschen – und es wurde populär.

Neben den Fragen zu Verfasser und Entstehung stellte sich die Frage nach der Wahrhaftigkeit der im Nibelungenlied dargestellten Handlungen, das heißt nach deren Historizität. Bei der Beantwortung dieser Frage schälte sich bald eine Ansicht heraus, die im Wesentlichen bis heute in der Germanistik Bestand hat. Dass nämlich mit dem Nibelungenlied ein Stoff aus der Völkerwanderungszeit verarbeitet wurde, in dem Siegfried der Drachentöter, Nibelungen resp. Burgunder und deren König Gunther, der grimme Hagen und die nicht minder grimme Kriemhild und der Hunnenkönig Etzel (Attila) die Hauptakteure waren.

Diese Figuren des Nibelungenliedes konnte, bis auf Hagen, gleich- oder ähnlich lautenden Personennamen der Historie zugewiesen werden, doch leider standen diese untereinander in keinerlei Kontakt, sie lebten zu verschieden Zeiten. Das ist arg, aber Germanisten können dies erklären. Der Dichter, Sänger oder wer auch immer das Lied bzw. seine Vorstufen verfasst hatte, wollte keine Historie schreiben, er wollte was ganz anderes (was auch immer), und hat die verschiedenen historischen Zeitebenen auf eine, auf die der Sage, zusammen geschoben, und so die Figuren des Liedes zu Zeitgenossen gemacht; auch in der Geografie sollen die Sänger es nicht so genau genommen haben, so lässt einer dieser ‚Tölpel‘ in der Thidrekssaga (siehe weiter unten), eine dem Nibelungenlied verwandte Erzählung,  sogar Rhein und Donau (Rin und Duna) zusammenfallen. Der Sänger hat also Schuld an diesem geografischen Fauxpas, kluge Germanisten haben das bemerkt  – so, jetzt passt’s wieder!

Die Geschichten von Siegfried, den Nibelungen und Konsorten waren im Mittelalter äußerst beliebt, allein vom Nibelungenlied gibt es über 30 erhaltene Handschriften oder Fragmente, darüber hinaus gibt es viele Dichtungen, wie vom hürnernen Syfried, und vor allem um Dietrich von Bern. Darüber hinaus gibt es eine Sagenkompilation, Thidrekssaga’ genannt, welche die Sagen um die Nibelungen und Dietrich von Bern zusammenfasst; sie enthält viele mit einander verbundene Heldensagen und ist sehr viel umfangreicher als das Nibelungenlied. Diese in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandene Handschrift in altnorwegischer Sprache wurde von Germanisten (und wird wohl von etlichen noch immer) als Derivat des Nibelungenliedes angesehen und keiner großen Beachtung geschenkt, ja gegenüber dem Nibelungenlied als minderwertig angesehen. Eine schwedische Handschrift jüngeren Datums, aber gleichen Inhalts, soll sogar eine verkürzte Darstellung der altnorwegischen Thidrekssaga sein, und wird demgemäß noch weniger geschätzt.

Aber, die nur dünn übertünchten inneren Widersprüche der germanistischen Theorie zur Historizität des Nibelungenliedes, und damit die der Thidrekssaga einschließend, hat nicht wenig Widerspruch erregt, besonders im außerakademischen Bereich. Hier ist zuerst Heinz Ritter-Schaumburg (1902-1994) zu nennen.

Da wo Rhein und Donau zusammenfallen, da fuhren die Nibelungen über den Strom – und in den Untergang. Heinz Ritter nahm dies ernst und suchte nach einer Donau, die in den Rhein mündet. Und er wurde fündig. Er fand den Dhünn-Fluss, dessen alter Name Duna an Donau anklingt, und die unterhalb von Köln noch vor gut hundertfünfzig Jahren eine eigene Mündung in den Rhein hatte. Mit dieser, für die Sagenforschung epochalen Entdeckung konnte Ritter Zug um Zug die Geschichte um Dietrich von Bern und die Nibelungen rekonstruieren, jedenfalls was die Geografie angeht, wobei er sich im Wesentlichen auf die ungeliebte Thidrekssaga bzw. auf die altschwedische Svava  stützte. Der Untergang der Nibelungen fand demnach nicht am Hofe König Etzels in Ungarn statt, sondern am Hof König Attalas in Susat (Soest/Westfalen). Den Sagenheld Dietrich von Bern versetzte Heinz Ritter von Verona in Oberitalien nach Bonn am Rhein, das einst Verona (auf Deutsch ‚Bern‘) genannt wurde. Das Geschehen des Nibelungenliedes wurde von Ungarn und dem oberdeutschen Raum nach Nordwestdeutschland verlegt. Dieser Neue „Sagenraum“ liegt nördlich der Mosel mit den Eckpunkten Namur an der Maas, Soest in Westfahlen, Lüneburg in Norddeutschland, und einem weiteren Punkt in Moselnähe, den Ritter mit Trier identifizierte. Das scheinbar so verworrene Bild, das die Thidrekssaga vermittelt, nahm Kontur an. Hysbanien, woher die Vorfahren Dietrichs von Bern auszogen ist nicht mehr Spanien, sondern Hesbanien/Hesbay an der Maas in Belgien bei Namur und Huy; Salerni ist nicht mehr Salerno in Italien, sondern liegt in jener eben genannten Landschaft in Belgien, und Puli ist nicht mehr Apulien, sondern die der Eifel vor-gelagerten Landschaft zwischen Rhein und Mosel, und Rom ist nicht mehr die ‚orbis mundi urbs gloriossima‘ im mittelitalienischen Latium, sondern soll nach Ritter Trier an der Mosel sein.

Ein nicht weniger schwerwiegender Fauxpas unterlief Ritter, wohlgemerkt in den Augen seiner Kritiker, dass er die Thidrekssaga, weil nach seiner Ansicht originaler, über das Nibelungenlied stellte, und dessen Darstellung verwarf; und noch schlimmer, die wenig geliebte und beachtete altschwedische Handschrift (Svava) erhob Ritter zum Maß der Dinge – diese Handschrift sei die am wenigsten verfälschte und am nahesten den Ereignissen der Sage. Das alles  rief natürlich Widerstände hervor, besonders aus dem germanistischen aber auch aus dem historischen „Lager“. Wenn Ritter Recht hat, wären mehr als 150 Jahre Sagenforschung perdu, und die Germanisten wären einem Phantom nachgejagt. Das kann nicht sein, das darf nicht sein!

Heinz Ritter publizierte seine Forschungsergebnisse und schrieb sehr erfolgreiche, öffentlichkeitswirksame Bücher zu dem Thema, die einen weiten Leserkreis faszinierte und begeisterte. Mit ‚Widerlegungen‘, aber auch mit Ignorieren, war ihm nicht beizukommen. Wie aber kann man die ja nicht fundamentlose Theorie Ritters erledigen? Man kann z. B. steif und fest behaupten, die Sagen um Dietrich von Bern seinen eine oberdeutsche Dichtung (als wenn das was besagte), die von den Langobarden über die Alpen geschwappt sei; und Soest habe gar nichts mit den Nibelungen zu tun, dort habe sich nur die Sage festgemacht, eine Ortsüberlieferung ohne Wert – und dabei kräftig mit dem Fuß aufstampfen. Aber auch das bewirkte nicht viel.

Wenn man eine ungeliebte Theorie nicht erledigen kann, dann wenigsten den Erfinder dieser Theorie. Und so ging man ans Werk. Man befleißigte sich durch Schnitt-Manipulation einer Fernsehdiskussion – nach Meinung Ritters ein abgekartetes Spiel –, um Heinz Ritter öffentlich vorzuführen, und mit Polemik zu überschütten („Dieser Ritter bürgt für Schaum“), und dies aus akademischen Kreisen ! Im Übrigen sei Ritter gar kein Germanist (was übrigens nicht stimmt) – als ob mit der Berufung auf einen Lehrstuhl als Professor zugleich exklusiv die Erlaubnis zu ernsthafter Forschung erteilt würde –,  und im Übrigen verzapfe Ritter hauptsächlich Unsinn. Heinz Ritter, Doktor der Philologie, war z. B. ein ausgewiesener Novalis-Experte, er stand als privatforschender Germanist nur außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs.

Aber auch diese Anwürfe nützten nichts. Aus der Psychiatrie weiß man, wenn der Patient (ich meine die Kritiker Ritters) sich am heftigsten gegen etwas wehrt, dann ist die Wahrheit dieses Etwas’ nicht weit entfernt. Walter Böckmann, der mit seinem Buch „Der Nibelungen Tod in Soest – Neue Erkenntnisse zur historischen Wahrheit“, in dieselbe Kerbe schlug wie Heinz Ritter, wurde von Übelanwürfen, wie dieser sie  erdulden musste, übrigens verschont, wohl weil nicht so öffentlichkeitswirksam.

Noch kurz vor dem Tode Ritters wurde die Schaumburg-Gesellschaft ins Leben gerufen, die sein Lebenswerk bewahren und fortführen sollte. Doch o weh, die „Rittersche Tafelrunde“ ging schon nach wenigen Jahren ein. Mit ihrem Ende, zur gleichen Zeit im Jahre 2000, wurde aus der Schar derjenigen, die an einer weitere aktiven Erforschung der Thidrekssaga interessiert waren, das ‚Thidrekssaga-Forum e.V.‘, jetzt Dietrich von Bern-Forum, gegründet.  In der vierteljährlich erscheinenden Vereinszeitschrift dieser Vereinigung können Mitglieder, aber auch Außenstehende, ihr Forschungen veröffentlichen.

Wie sieht es nun, nach mehr als 20 Jahren nach Heinz Ritter-Schaumburgs Tod, mit seiner Theorie über die Nibelungen und Dietrich von Bern aus? Die Theorie Ritters wird hinterfragt, auch im Kreise des Dietrich von Bern-Forums. Das ist völlig normal, denn nur so kann ein Fortschritt in der Thidrekssaga-Forschung erzielt werden, die mit Ritter ja nicht abgeschlossen war. Da gibt es einen Kreis, der die Ortsforschungen Ritters weiterführt, andere beschäftigen sich mit den historischen Kernen der Thidrekssaga, wiederum andere mit der Entstehungsgeschichte der Sage, oder mit verborgenen Hinweisen und Anspielungen darin, oder es werden Themen aufgegriffen, an die Ritter noch gar nicht dachte, oder zu deren Untersuchung er keine Zeit mehr hatte. Korrekturen wird man an der Ritterschen Theorie anbringen – anbringen müssen – wenn sich die begründete Überzeugung herausschält, dass die notwendig sind. Das heißt aber nicht, dass die gesamte Theorie Ritters über den Haufen geworfen wird.

Damit ist auch schon das Wesentliche über Arbeit und Zielstellung des Dietrich von Bern-Forums gesagt, näheres hierzu  auf den Seiten dieser Website.

Nun, um ein Fazit zu ziehen, wie sieht es insgesamt aus mit der Ritterschen Theorie? Ich denke, dass nach Korrekturen das von Ritter entworfene Bild der Sage besser ausschaut als zuvor. Ritter wird im Großen und Ganzen nicht widerlegt, sondern – mit Abstrichen – bestätigt, was seine grundsätzlichen Aussagen zum Wesen der Thidrekssaga und zu der von ihm entwickelten Theorie des Sagenraumes der Thidrekssaga angeht.

Buchveröffentlichen von Heinz Ritter-Schaumburg zur Heldensage und Frühgeschichte:

  • Die Nibelungen zogen nordwärts (1981)
  • Dietrich von Bern – König zu Bonn (1982)
  • Sigfrid ohne Tarnkappe (1990)
  • Der Cherusker. Arminius im Kampf mit der römischen Weltmacht (1988)
  • Die Didriks-Chronik, Didrik von Bern und die Niflungen (1989)
  • Die Thidrekssaga oder Didrik von Bern und die Niflungen. In der Übersetzung von Friedrich von der Hagen, 2. Ausgabe 1855 (1989)
  • Der Schmied Weland. Forschungen zum historischen Kern der Sage von Wieland dem Schmied (postum 1999 durch Heinz Martin Ritter)

Zur nächsten Seite