Was haben wir schon herausgefunden ?

Eine der wichtigsten Streitfragen glauben wir heute mit der größeren Klarheit über die Entstehungsgeschichte der Thidrekssaga geklärt. Sie ist weder eine Dichtung, noch eine alte Chronik. Sie ist eine Textsammlung völlig eigener Art.

Ihr  I n h a l t  darf nicht nach wissenschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert beurteilt werden, mit dem Blick ausschließlich auf schriftlich Fixiertes, sondern ist nur nach dem vermutlichen Weltbild der jeweiligen Entstehungszeit zu erklären, nämlich dem „oralen Zeitalter“. Auch in diesem wurden für ein Volk wichtige Ereignisse festgehalten, aber in völlig anderer Art, als das später im „literalen Zeitalter“ geschah.

Die ältesten Teile der Thidrekssaga scheinen im späten 4. sowie im 5. Jahrhundert n. Chr. entstanden zu sein, und zwar in  N i e d e r deutschland  beiderseits des Niederrheins. Sie wurden, wenn auch z. T. vielfach neu eingekleidet und umgestaltet, bis ins 13. Jahrhundert bewahrt.

Die meisten Erzählungen innerhalb der Thidrekssaga sind über 800 Jahre lang ausschließlich  m ü n d l i c h  auf dem Weg über die geübten Köpfe ungezählter Generationen von Skops, Spielleuten, „Sagamännern“, Dichter-Sängern usw. weitergegeben und jeweils zeitgemäß angereichert und umgestaltet worden.

Eine Fixierung wie bei schriftlich festgehaltenen Texten konnte es nicht geben; dennoch hat sich der Inhalt der einzelnen Episoden im Wesentlichen erhalten, allerdings auch von Generation zu Generation leicht vermehrt und verändert. Dabei blieb vieles Alte erhalten und wurde nur von einer Schicht neuer Zutaten verhüllt, etwa wie bei einem Korallenstock. Doch in jeder „Zeitschicht“ (4./5. Jh., 6./7. Jh., 8. ./9. Jh., 10.- 12. Jh. und spätere Zeit) kamen auch  n e u e  Erzählungen hinzu.

Eine zuverlässige Geschichtsquelle sind die Erzählungen daher nicht, jedenfalls nicht im direkten Sinn. Denn sie waren nicht als historisch-geografische Information gedacht, enthalten aber nichts desto trotz solche Informationen. Bei sorgfältiger Analyse können daher wichtige und oft überraschende und einmalige Schlussfolgerungen für die reale Geschichte gewonnen werden.

Im 12. oder 13. Jahrhunderts wurden diese mündlichen Erzählungen erstmals nieder-geschrieben mit den uns bekannten Inhalten, vermutlich in einem westfälischen Kloster in niederdeutscher Sprache jener Zeit. Das geschah noch sehr in der Art der bisherigen oralen Wiedergabe. Die Thidrekssaga ist damit ein nahezu einmaliges Beispiel für die Art, wie im „oralen Zeitalter“ für ein Volk wichtige Ereignisse  späteren Generationen weiter-gegeben wurden.

Erstaunlich ist, dass noch in jener Zeit der beginnenden Verschriftlichung der Sage bei Völkern mit germanischer Sprache die Bereitschaft groß war, die Inhalte weiter in der Art des „oralen Zeitalters“ zu behandeln, also nicht wie z. B. im Nibelungenlied umzuarbeiten. Das galt nicht nur für die niederdeutsch sprechenden Rheinländer und (Nieder)Sachsen, bei denen die Texte ursprünglich entstanden waren, sondern sogar für die Germanen in Skandinavien (Norwegen, Island, Schweden, Dänemark), wie für die Germanen in Süddeutschland (Bayern, Alemannen und sonstige) bis hin nach Südtirol, dem „hoch-deutschen“ Sprachgebiet. Der Dichter des „Nibelungenliedes“ hat aus den wohl in Süddeutschland mündlich umgehenden „alten Mären“ die Anregungen für sein Gedicht geschöpft, das nun allerdings schon klar ein Kind des „literalen Zeitalters“ mehr war.

Entgegen der „herrschenden Meinung“ fast aller Historiker und Philologen (auch der Lexika) war der in den „deutschen Heldensagen“ immer wieder vorkommende „König Dietrich von Bern“ n i c h t der historische Ostgotenkönig Theoderich (der Große) der aus der Völkerwanderungszeit. Sondern in dem Titel „König Dietrich von Bern“ ist in erster Linie ein Kleinkönig von Bonn-Bern am Rhein gemeint.

Die Stadt Bonn am Rhein nannte sich nämlich im Mittelalter selbst (auf Lateinisch) „Verona“, auf Niederdeutsch „Bern“.

Die in der „Deutschen Heldensagen“ sehr oft erwähnten „Hunen“ waren  auch n i c h t das asiatische Reitervolk der Hunnen, das zwischen 375 und 453 n. Chr. Osteuropa, aber auch Mitteleuropa, Frankreich (Gallien) und Italien in Angst und Schrecken versetzte. Sondern es handelte sich dabei um ein durchaus nachweisbares germanisches Volk im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. in Westfalen.

Der Text der Thidrekssaga enthält zahlreiche Anspielungen auf wichtige historische Vorgänge zur Zeit der Merowinger und Karolinger (5. – 8. Jahrhundert), aber in „verhüllter Form“.

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