Wichtige Themen unserer bisherigen Forschungen

Zum Aufbau und Inhalt der Thidrekssaga (Dietrichs-Sage)

Die Thidrekssaga – also die Dietrichs-Sage, oder die Sage um Dietrich von Bern – zeichnet sich durch einen wohlgeordneten und durchdachten Aufbau aus. Der Hauptstrang der Erzählung bildet die Geschichte von Dietrich von Bern – seine Vorfahren, Jugendabenteuer, seine Vertreibung und Flucht aus seinem Reich, seinem Exil beim Hunenkönig Attala in Susat, sein erster vergeblicher Versuch sein Reich wieder zu erlangen, sein zweiter erfolgreicher Versuch und schließlich sein Ende. Ein Nebenstrang beinhaltet die Geschichte von den Niflungen und Siegfried dem Drachentöter. Ein weiter Nebenstrang beschäftigt sich mit dem Hunenkönig Attala, seine Kämpfe mit Rytzen und Wilzen. Diese Stränge sind miteinander verknüpft und haben ihren Kulminationspunkt in der Erzählung von dem Untergang der Niflungen durch den König Attala in Susat, bzw. durch Kriemhilde, seine Frau und Witwe Siegfrieds. Mit diesen Erzählungen sind weitere locker verknüpft, wie die Geschichten von Wieland dem Schmied, von Walther und Hilde-gund, von Apollonius und Iron, von Herburt und Hilde, und noch weiteren. Zu diesen Themen sind viele Artikel im BERNER erschienen sowie in den "Forschungen zur Thidrekssaga", z. B. im Band 3 „Die Wilkinensage. Schlüssel zur unbekannten Frühgeschichte der Niederlande und Belgiens ?“ (2006).

Oralitätsforschung

Sagen, die „historischen Nachrichten“ der frühen Zeit wurden oral – also mündlich, wie das Wort verrät – weitergegeben, mitunter über viele Generationen und Jahrhunderte. Für die Thidrekssaga gilt dies mindestens seit dem 5. Jahrhundert, bis sie in die Schriftform „gegossen“ wurde, vermutlich erstmals im 12. Jahrhundert, spätestens aber im 13. Jahrhundert. Oralität war und ist ein wichtiges Forschungsfeld der Historie. Der bekannte Historiker Johannes Fried hat 2004 ein Buch mit dem programmatischen Titel „Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik“ vorgelegt, eine kritische Wertung der Oralität an sich, die den Forschungsansätzen der Sagenforscher aus unserem Kreis widerspricht, oder zumindest einschränkt. In unserer Zeitschrift DER BERNER (Nr. 18, 2005), wurden die Thesen Frieds vorgestellt diskutiert und teilweise auch widersprochen (DER BERNER Nr. 19, 2005). Weiter Beiträge hierzu im BERNER und in den"Forschungen zur Thidrekssaga", Band 3 "Die Wilkinensage".

Zu Völker, Orte und Landschaften der Thidrekssaga

Die Thidrekssaga nennt Völker, Orte und Landschaften, wo die berichteten Ereignisse der Sage stattfanden. Sie nennt Hunen, Aumlunge, Torkerer und andere, nennt Orte wie Bern, Susat, Rom, sie nennt Landschaften wie Hesbanien, Puli, den Lurawald, sie nennt auch Flüsse wie Rin, Duna, Musula. Diese umreißen den ‚Sagenraum‘ der Thidrekssaga. In der akademischen Forschung steht quasi dafür ganz Europa. Heinz Ritter-Schaumburg konnte jedoch zeigen, dass es sich hierbei um die Region zwischen Maas und Westfalen, Mosel und Nordsee handelt, mit dem Mittel- und Niederrhein als Hauptschauplatz der Sage. Forscher im Dietrich von Bern-Forum haben diesen Raum bestätigt, auch viele der Ortsidentifikationen Ritters, aber auch Korrekturen an dem Bild angebracht. Im BERNER gibt es mehrere Beiträge zu diesem Thema, z. B. in den Heften 20 (2005) 26 (2006), 40 (2010), 59 (2014) und anderen, oder in den ‚Forschungen zur Thidrekssaga‘, z. B. in Band 3 "Die Wilkinensage" (2006).

Zur Handlungszeit der Thidrekssaga

Die Geschichte der Thidrekssaga spielte nicht nur an gewissen Orten, sondern auch zu einer gewissen Zeit. Während die älteren Forschung den Handlungsablauf der Sage sich über mehrere Jahrhunderte erstrecken ließ, nahm Heinz Ritter-Schaumburg die Angaben der Sage ernst und ging von einer Zeitspanne von etwa drei Generationen aus, die er ins 5. und 6. Jahr-hundert setzte. Im Großen und Ganzen ist das richtig, über die Details wird im Dietrich von Bern-Forum aber auch diskutiert, so etwa im BERNER 40 (2010), oder bei Wim Rass in ‚Dietrich von Bern und Karl der Große‘ (Bd. 1, 2000).

Mythologisches in der Thidrekssaga

Die Thidrekssaga vermittelt nicht nur geografisch-historisch Nachrichten aus der Frühzeit, sonder auch Mythologisches aus dem Fundus der germanischen und anderer Volksstämme, wie Götter- und Heroen-Überlieferung. Beispiele hierfür finden sich bei dem Schmied Wieland, teilweise auch bei dem Drachentöter Siegfried, oder in den Jugendabenteuern Dietrichs von Bern. Dr. Norbert Lönnendonker hat ein ganzes Buch über die „Götterlehre der Thidrekssaga“ geschrieben: „Als die Götter noch jung waren“(Rhombos-Verlag, 2003). Seine Thesen finden im Forum nicht nur Zustimmung, aber auch das gehört zu uns, umstrittene Thesen zu akzeptieren und zu diskutieren.

Zeitschichten in der Thidrekssaga („Sagen-Archäologie“)

Die Forscher des Dietrich von Bern-Forums beschäftigt die Frage, wann und wie die Thidrekssaga aus kleinen Anfängen entstanden ist, wie sie sich weiter entwickelte, anschwoll und wie, wann und warum welche Inhalte letztendlich aufgenommen wurden. Ein wichtiges Hilfsmittel zum Verständnis sind die Zeitschichten in der Thidrekssaga. Diese sind in der Darstellung jedoch modellabhängig, je nachdem, ob man die chronologischen, geographisch-politischen, kultur-historischen, sozialgeschichtlichen, etc. Schichten  betrachte; aber auch, was in verborgener Weise in der Thidrekssaga  enthalten ist, was einst nur für kundige Ohren verständlich war, die direkten und indirekten Anspielungen auf historische Personen und Ereignisse. Wim Rass, Gründungsmitglied des Dietrich von Bern-Forums (vormals Thidrekssaga-Forum) hat zu diese Thema extensiv gearbeitet und auch veröffentlicht (z. B. im BERNER, "Forschungen zur Thidrekssaga", Bde. 3 u. 6, eigene Buchveröffentlichungen).

Zum realen Leben im Mittelalter

Die Thidrekssaga vermittelt Einblicke über Völker, Herrschaftsformen, soziales und kulturelles Leben, auch von Glaubensvorstellungen, von Handel, Technik,  usw. Das beginnt im 4./5. Jahrhundert und reicht bis ins Hochmittelalter. Dabei ist es keineswegs Ziel der Thidrekssaga, solches Wissen zu vermitteln, es wird ‚en passant‘ mitgeteilt, gibt aber interessante Einblicke in die Zeitschichten der Thidrekssaga. Um ein Beispiel zu geben, die Thidrekssaga gibt erschöpfende Auskunft über die Wappen der Helden aus der Frühzeit der Sage. Die Heraldik als solche ist aber eine Schöpfung des Hochmittelalters. Hier kann über die Entstehungsgeschichte der Sage einiges gesagt werden, nämlich dass sie keineswegs eine statische Schöpfung ist, sondern dass bis zu ihrer schriftlichen Fixierung daran gewebt und gearbeitet wurde, ohne dass der Wert der Sage dadurch geschmälert wird.

Entstehung und Überlieferungsgeschichte der Thidrekssaga (Ths)

Eng mit der Zeitschichten-Forschung ist die Erforschung der Überlieferungsgeschichte der Thidrekssaga verbunden. Hier stellt sich die Frage, wie das entstanden ist, was wir mit den archivierten Schriftzeugnissen der Thidrekssaga in Händen haben, ob und wie die verschiedenen Versionen  der Thidrekssaga voneinander abhängen, welche Zwischenstufen es gibt oder geben muss, wann und wo die schriftliche Urfassung angefertigt wurden, über welche örtlichen Stationen sie durchlief, wer sie angefertigt hat oder sie anfertigen ließ,  etc. Diesem Thema war u. a. der Band 6 der „Forschungen zur Thidrekssaga“ (2010) mit dem Titel „Zum Werdegang der Thidrekssaga“ gewidmet.

Die schriftlichen Überlieferung der Thidrekssaga

Eng verbunden mit dem vorangehenden Thema ist die Problematik der Geschichte der schriftlichen Überlieferung der Thidrekssaga. Diese ist in mehreren Schriftfassungen vorhanden. Die älteste ist in altnorwegischer Sprache aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts überliefert, die „Þiðriks saga af Bern”, die sogenannte „Membrane“ (Mb) auf Pergament. In Altschwedischen verfasst ist die Papierhandschrift „Didrikskrönikan” oder „Sagan om Didrik af Bern”, die sogenannte „Svava“ (Sv, eigentlich Svensk) aus dem 15. Jh. Aus dem Altisländischen stammen zwei handschriftliche Versionen der Thidrekssaga, die Handschriften A und B, Kopien davon wurden im 17. Jahrhundert niedergeschrieben. Darüber hinaus gibt es weitere Versionen, wie die isländisch/schwedische Handschrift C (ca. 1680) und eine Anzahl von Fragmenten. Diese Überlieferungen erzählen, allerdings mit Abweichungen und unterschiedlichen Textlängen, sinngemäß in etwa das gleiche. Alleine die Erforschung der Entstehung und Überlieferung der Handschriften der Thidrekssaga sind eine ‚Aventure“ für sich. Die genauen Entstehungsorte und -zeiten sind umstritten und immer noch in der Diskussion. Für die Membrane wird als Entstehungsort der Hof Königs Hákon Hákonarson  (*1204, † 1263) im norwegischen Bergen vermutet, allerdings mit einiger Unsicherheit. Aufbewahrt werden die hier genannten Handschriften in Archiven in Stockholm und Kopenhagen. Weiteres und Näheres kann dem Band 6 der "Forschungen zur Thidrekssaga" entnommen werden.

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