|
Thidrekssaga vs Nibelungenlied ?
Karl Weinand
„Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall“:
„Wer soll des Liedes Hüter sein?“.
(Frei nach „Die Wacht am Rhein“ (1840) von Max Schneckenburger.)
Thidrekssaga oder Nibelungenlied – wer oder was hat den Vorrang?
Nun schlagen schon seit Jahrzehnten die „Hüter“ des jeweiligen Liedes aufeinander ein, inzwischen weniger heftig – aber immerhin. Worum gehts? Um was sonst, als um des „Kaisers Bart“. Denn welches der beiden Lieder, bzw. Dichtungen, den Vorrang hat, das ist wohl die falsche Frage! Ich meine, man sollte fragen: Wo sind die Gemeinsamkeiten, aus welchen Quellen schöpften die Schöpfer der Lieder? Ohne die Unterschiede und Differenzen zu vernachlässigen!
Im letzten BERNER (Nr. 104) habe ich in „Griechische Mythen im Nibelungenlied (NL) und in der Ths ?“ es bereits unternommen, Gemeinsamkeiten – oder Unterschiede – in beiden Liedern bzw. Sagen herauszuarbeiten; in dieser Ausgabe des BERNERs nun setze ich diese ‚Bemühungen‘ fort.
Gemeinsamkeiten gibt es nämlich ‚zuhauf‘, auch wenn die beiden Dichtungen zwei verschiedenen literarischen Gattungen angehören. Die ‚Saga‘ zählt zu den nordischen Riddarasagas und Fornaldarsögur, das ‚Lied‘ zu den Epen (in Versform); die Unterschiede beider sind jedoch eminent. Das eine spielt in Nord-West-, Mittel-, Süd- und Osteuropa; das andere am Mittelrhein, Donau und Ungarn. Das eine spielt irgendwann in einer fernen vergangenen Zeit roher Sitten und Mordens in Frühmittelalter; das andere im Hochmittelalter, es berichtet von gesitteten Artigkeiten, aber es handelt auch von Mord und Totschlag. Das eine erzählt Geschichten von Dietrich von Bern, von Siegfried, den Niflungen und deren Untergang am Hofe des Heunenherrschers König Attalas/Attilas; das andere ebenfalls von Siegfried, von Burgundern und Nibelungen, und auch von deren Untergang am Hofe des Hunenkönigs Attila. Wie das? Gemeinsamkeiten einerseits – Unterschiede andererseits. Das aufzuklären ist die Aufgabe derer, die sich der Erforschung von ‚Saga‘ und ‚Lied‘ verschrieben haben.
Aber nochmal zurück. Als ich noch jung an Jahren war schenkten mir meine Eltern ein Buch, das heißt „Das vierzigste Abenteuer. Auf den Spuren der Nibelungen“ von Helmut Berndt. Besonders fasziniert mich darin die Nachverfolgung der Wege, welche die Burgunder/Niflungen von Worms aus nahmen, durch den Odenwald. Eichsfeld, an die Donau … und auch die ‚Tatorte‘ im Odenwald. Später bin ich dann den Spuren der Nibelungen selbst gefolgt – stückweise: Siegfriedstraße, Krimhildenstraße, durch den sagenträchtigen Odenwald, auch zum Siegfriedsbrunnen. Dass die Burgunder/Nibelungen niemals einen Fuß dorthin gesetzt haben, macht der Sache keinen Abbruch – der Mythos lebt!
Und nun, Jahrzehnte später, bin ich noch immer auf Fährtensuche, wenn auch in anderen Gefilden – den literarischen; und dann kamen, wie Ungeheuer aus dem Nebel, Fragen und Ungewissheiten. Die Fragen nach den Zusammenhängen sind indes, nach so langer Zeit, geblieben, die Antworten indes noch immer im Ungewissen. Wie auch immer – ob Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in ‚Sage‘ und ‚Lied‘: Darf das dazu führen, einen Gegensatz zu begründen zwischen den Forschern und Liebhabern von ‚Sage‘ und ‚Lied‘? Tatsächlich ist doch so – wie ich meine – das wir am selben Seil ziehen, nicht immer am selben Ende desselben, aber dies sollten wir überwinden und ‚fachübergreifend‘ zusammenarbeiten. Vielleicht gelingt es uns ja, ein Stück des Wegs gemeinsam zu beschreiten. Denn Thidrekssaga und Nibelungenlied sind keine Gegensätze, sondern Teile einer Gesamtheit.
Ein weiterer Beitrag in diesem BERNER ist von Rolf Badenhausen über „Drusus und Riesentiere am Osning. Über Dietrichs fabulöse Heldentaten“. R. Badenhausen arbeitet in seinem Beitrag die Frage heraus, inwiefern der römische Feldherr Drusus als literarische Vorlage für den „König Drusian“ der Ths diente.
Mit „Siegfried und das Lindenblatt“, Schriftform meines Vortrages in Siegen 2024, schließt dieser BERNER ab.
Zu beachten ist bitte die Einladung zu unserer verschobenen Jahrestagung 2025, die nun im April 2026 nachgeholt wird. Der Vorstand hofft auf eine rege Teilnahme!
|